← Alle Beiträge
Jenny Richter

Trainingstherapie beim Pferd: Was in der Reha wirklich zählt

Physiotherapie mit einem Pony auf dem Reitplatz

Da liege ich nun, den frisch operierten Fuß hochgelagert, den Laptop auf dem Schoß — und schaue seit zehn Minuten aus dem Fenster. Ich soll „etwas über Trainingstherapie” schreiben.

An sich kein Problem. Wer mich kennt, weiß: Aus einem kleinen Webinar wird bei mir schnell eine dreieinhalbstündige Abhandlung, und meine Vorlesungen ziehe ich gerne mal in die Länge, um meinen Physio- und Osteo-Studierenden noch ein bisschen mehr mitzugeben. Genau genommen gibt es die EquiZeit Akademie überhaupt nur deshalb, weil die klassischen Therapeuten-Ausbildungen für aktive Bewegungstherapie viel zu wenig — oft gar keine — Praxiszeit vorsehen. Deshalb bilden wir Pferdegesundheitstrainer aus!

Gutes Training ist die beste Nachbehandlung.

Daran glaube ich fest — egal, ob es um Prophylaxe durch Besitzer:innen und Trainer:innen geht oder um Trainingstherapie durch speziell geschulte Profis. Aber eben mal schnell „die 10 besten Tipps fürs Reha-Training DEINES Pferdes” rauszuhauen, das ist schlicht Quatsch.

Es braucht schon enorm viel Wissen und Können, um ein gesundes Pferd gesunderhaltend zu trainieren — die eine oder andere besorgte Pferdebesitzerin seufzt hier gerade wehmütig. Um ein erkranktes Pferd durch gezielte Trainingstherapie sicher durch eine Reha zu begleiten, braucht es echte Profis. Und um chronisch kranke Pferde so fit wie möglich zu halten, braucht es obendrein ein ganz besonderes Mindset.

Platzhalter — Trainingstherapie in der Praxis

Warum ich keine „beste Übung” verrate

Warum gebe ich also nicht — wie viele andere — einfach „die beste Übung bei Spat / Sehnenschaden / Trageerschöpfung” heraus? Weil mich Clickbait und Likes nicht interessieren (zum Leidwesen unseres Marketings 😉) — und weil es schlicht nicht nachhaltig sein kann, völlig ungeschulten Menschen einzelne Übungen in die Hand zu drücken.

Ich halte das sogar für fahrlässig. Denn: Wer sagt, dass die Diagnose richtig gestellt wurde? Wer sagt, dass es nicht ein zweites Problem gibt, bei dem genau diese Übung kontraindiziert wäre? Ein einfaches Beispiel mit völlig unterschiedlichen sinnvollen Maßnahmen: Arthrose der Zehengelenke gegenüber einer Sehnenproblematik — und dann auch noch Fesselträger, oberflächliche oder tiefe Beugesehne, Hufrollensyndrom, Unterstützungsband oder doch die Strecksehne?

Vieles, was dem Trageapparat guttut, bedeutet für erkrankte Pferdebeine womöglich eine Überlastung. Und schon trainiert die hochmotivierte Besitzerin mit ihrem „Trainingsplan Trageerschöpfung” geradewegs in den nächsten Sehnenschaden oder Spatschub hinein.

Was bei der Reha alles zusammenspielt

Selbst wenn die Diagnose stimmt und es keine Nebenschauplätze gibt: Wie steht es um das Wissen zu den Phasen der Wundheilung?

  • Ab welchem Tag darf das Gewebe wie weit gedehnt werden?
  • Ab welcher Woche sind unebene Böden, Hindernisse, Trab, Wendungen, Sand oder Galopp wieder erlaubt?
  • Wie lange dauert die Regeneration von Sehnengewebe — und wie lange die von Muskulatur?

Zu früh zu viel, und schwups, haben wir die Sollbruchstelle geschaffen. Zu spät, und es bildet sich vielleicht übermäßig viel Narbengewebe, oder der Gelenkknorpel wird durch die Unterversorgung zu dünn — irreversible Vorgänge, die diese Strukturen für immer weniger belastbar machen können. Und steht das Pferd zu lange in der Box, bringen Atmung, Verdauung und Übergewicht gleich die nächsten Probleme mit.

Schmerzen erkennen, bevor es zu spät ist

Besonders ans Herz legen möchte ich das Wissen zur Bewertung von Schmerzethogrammen — der Horse Grimace Scale und dem „Behaviors of the Ridden Horse in Pain”. Selbst unter Profis der Pferdegesundheitsbranche werden diese wissenschaftlichen Erkenntnisse noch viel zu selten herangezogen, einfach weil sie kaum gelehrt werden. Dazu kommt: Es braucht enorm viel Übung, um Schmerzmimik und Konfliktverhalten am lebenden, atmenden, neben dir hergehenden Pferd im richtigen Moment korrekt zu beurteilen — mit vielen verschiedenen Pferden, unbedingt auch unterschiedlicher Rassen.

Denn ich kann mein „Patientenpferd” nicht fragen, ob die gesteigerte Anforderung wehtut. Ich muss es ihm sofort ansehen können, um notfalls einen Schritt zurückzugehen. Einer Trainingstherapeutin stehen dafür das Belastungsmuster im Stand, die Ganganalyse zur Lahmheitsbewertung, Mimik und Gestik des Pferdes sowie die Vitalwerte (Puls, Atmung, Temperatur) zur Verfügung. Und steigere ich aus lauter Angst, das Pferd zu überfordern, die Anforderungen nie, wird es nie so belastbar, wie es sein könnte.

Das heißt nicht, dass niemand sein Pferd durch die Reha begleiten kann. Es heißt, dass du dafür dringend die Hilfe einer gut ausgebildeten Trainingstherapeutin brauchst — eine, die dein Pferd kennt, es regelmäßig befundet und behandelt, dir individuelle Trainingspläne schreibt und immer wieder anpasst, dir die genau zu diesem Zeitpunkt passenden Übungen live zeigt und dir hilft, Ganganalyse und Schmerzniveau kleinschrittig zu überwachen und richtig einzuschätzen.

Ganz klar: Das kann man alles lernen! Wende dich im Akutfall trotzdem zuerst an jemanden, der es bereits gelernt hat — und erspar deinem Pferd unnötige Rückschritte oder Managementfehler, die aus Unwissenheit fast zwangsläufig passieren.

Auch ich gehe zum Profi

Ich selbst bin in meiner eigenen Reha natürlich höchst aktiv beteiligt — verlasse mich aber auf das Fachwissen. Nicht nur auf das von Chirurgen, Anästhesisten und Orthopäden, sondern auch auf meinen Humankollegen, der mich derzeit engmaschig mit Lymphdrainage und Krankengymnastik betreut und ab nächster Woche — Phasen der Wundheilung! — mit aktiver Trainingstherapie, vor allem Muskelkräftigung und Koordination. Ich vertraue meiner Thai-Masseurin, die mich mit ihrem Wissen aus der mir fremden östlichen Heilkunde unterstützt. Und auf dem Weg zurück in die Vollbelastung gönne ich mir in den nächsten Monaten gezieltes Fitness-Coaching und eine Gangschule. Denn ich habe fest vor, wieder auf 100 % Belastbarkeit zu kommen und mein Leben so zu leben, wie es mich glücklich macht: aktiv, auf meinen Füßen, mit den Pferden.

Love & Peace, eure Jenny


Willst du künftig selbst qualifizierte Trainingstherapie anbieten können? Dann ist unsere Ausbildung zum Pferdegesundheitstrainer genau das Richtige für dich. Hier findest du alle Infos zur Ausbildung.

  • Gesundheit
Veröffentlicht am 19. April 2025